Trauern heißt für mich: erinnern, staunen, aufarbeiten… und im besten Fall besser verstehen

Trauer ist für mich heute ein wichtiger Entwicklungsbaustein. Unsere Familiengeschichte ist nicht einfach.

Kriegskinder – Kriegsenkel – Manches kommt mir vertraut vor

Haben Sie vielleicht von Sabine Bode gehört? Sie hat Bücher über die Kriegskinder und die Enkel der Kriegsgeneration geschrieben. Sie formuliert in ihren Büchern vom Schweigen der Eltern und Großeltern. Das kommt mir sehr bekannt vor.

Das große Schweigen

Unsere Familie war Schweigen. Ganz viel Schweigen. Wenn meine Onkel das Schweigen durchbrachen, dann schien es mir, als würden sie die Worte geradezu herauspressen, geradezu herausschleudern.

Es ist eine Familie ohne Erzählungen, ohne Verbindungen. Ein Gefühl von Verbundenheit erinnere ich mich nur mit meiner Großmutter oder meiner Mutter. Einfach zusammen sitzen. Einfach kuscheln. Einfach ein freudiges Anlächeln. Einfach das Gefühl, alles ist richtig so.

Trauerepisoden überfallen oder wirbeln ein

Meine Trauererinnerungen haben immer den Charakter von Überfällen, Wirbeln, Flashbacks. Ich erlebe eine Situation wieder, an der ich knabbern muss. Was ist da passiert? Warum ist das wichtig? Meist erinnere ich es eine ganze Weile immer wieder. An diesen Erinnerungen muss ich mich dann abarbeiten.

Was Nessie mit Trauerarbeit zu tun hat?

Meist verläuft das Abarbeiten nicht schnell. Es ist auch keine kontinuierliche Arbeit. Sie kommt mir häufig vor wie das Ungeheuer vom Loch Ness. Nessie schleicht durch das Wasser, taucht auf, taucht ab. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, bewußtes Bearbeiten und unbewußtes Bearbeiten wechseln sich im Durchleben dieser Trauererinnerungen immer wieder ab.

Trauererinnerungen sind wie Flashbacks, die wir nach traumatischen Erlebnissen durchleben

Vergleichbares erleben auch Menschen mit traumatischen Erlebnissen. In Flashbacks durchleben sie immer wieder die gleichen Situationen.

Flashbacks nicht nur immer wieder erleben, sondern aktiv bearbeiten

In meinen Trauerflashbacks habe ich mittlerweile Möglichkeiten der Bearbeitung entdeckt. Ich kann meinen Fokus auf unterschiedliche Fragen und Wahrnehmungen lenken. Das eröffnet mir neue Perspektiven und neue Perspektiven ermöglichen mir neue Interpretationen. Am Ende steht meist ein Gefühl des Verstehens und des mich Versöhnens mit meinen so eigentümlichen Erlebnissen und dem so unverständlich wirkenden Verhalten meiner Verwandten.

Das dämpft nicht mein Gefühl der Verlassenheit, aber es dämpft begleitende negative Gefühle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert