In der Literatur heißt es, daß Trauer mit der Zeit kleiner wird, schrumpft. Mittlerweile zweifele ich an dieser These. Naja, ich glaube, ich zweifele an der universalen Gültigkeit.
Trauer ist vor allem eines: Individuell
Trauer ist vor allem etwas sehr Individuelles. Daher kann meine Trauer nur einzigartig, nur einmalig sein. Ich persönlich erlebe, daß mich unglaublich viele Dinge triggern, dann scheint sie wie eine Welle aufzutauchen. Sie entfaltet eine gemeine Wucht, die alles andere verdrängen kann.
Trauer im Winterschlaf
Meine Trauer kommt mir vor wie ein Bär: groß, gewaltig, einschüchternd, aber auch kuschelig. Nach all den Jahren zieht sie sich immer wieder in einen Winterschlaf zurück. Dort ruht sie, bis ein Trigger sie aufweckt wie einen Bären, der aus seiner Höhle kriecht.
Es gibt so viele Auslöser
Als Trigger funktionieren viele Dinge:
- Mal ist es ein Werbespot, wo Mutter durch die Nacht fährt um verzweifelte Tochter zu trösten.
Dann schlägt in mir das Trauerchaos zu: „Das werde ich nie wieder erleben…“ - Mal finde ich einen besonderen Gegenstand, der machtvolle Erinnerungen und damit mein Trauerchaos auslöst.
- Aber am Intensivsten haben sich die späteren Trauerfälle ausgewirkt. Jeder der Trauerfälle hat etwas in meinem Inneren zum Schwingen gebracht. Das zwang und zwingt mich, immer andere Aspekte meines Verlustes zu betrachten.
- Aber auch Misserfolge können diese schweren Trauerphasen auslösen, die mehr oder minder lange passive Phasen auslösen.
Eine erschwerte Trauer
Mein Trauerprozess fällt damit sicher unter das, was in der Literatur als erschwerte oder komplizierte Trauer bezeichnet wird. Falls das auch für Sie gilt, dann machen Sie sich keine Sorgen. Es gibt keinen vorgeschriebenen Verlauf. Es dauert so lange, wie es dauert.
Aussetzer sind dabei normal
In diesen Trauerepisoden sind Aussetzer normal. Das ist nicht nur meine Erfahrung, sondern es ist auch meine Beobachtung. Meine Cousine war fassungslos, nicht nur wegen eines empfundenen Verrates. Sie war darüber hinaus auch erschüttert, weil sie immer wieder Aussetzer erlebte. Stunden waren einfach weg. Da war nur noch eine Lücke, kein Tun, kein Denken.
In meinen Gesprächen mit anderen Trauernden berichten diese auch von solchen Erlebnissen. Nach und nach lassen sie nach. Doch sie können auch immer wieder auftauchen. Auch nach Jahren.
Beunruhigen Sie sich nicht deswegen. Sie sind nicht allein damit und Sie sind nicht abnormal. ;-).
